Häufig gestellte Fragen zu Antidoten in der Homöopathie

SL: „Das haben sie sehr verständlich klargestellt. Nun gibt es noch den Einwand, dass die übliche niedrige Dosierung der homöopathischen Gabe in Fällen von Zuständen nach schweren Vergiftungen jeglicher Art nichts ausrichten kann. Ist es nicht so, dass man bei einem solchen schwerwiegenden Zustand hoch dosiert eingreifen muss, um überhaupt etwas Positives ausrichten zu können? Schließlich handelt es sich doch hier um einen Notfall und das Gift muss schnellstens unwirksam gemacht und die Gesundheit wieder hergestellt werden!“

v. Bönninghausen: „Zu diesem Thema finden sie etwas in meinem Buch ‚Die Homöopathie, ein Lesebuch für das gebildete, nicht-ärztliche Publikum‘ auf Seite 232. Nun, zunächst einmal macht die Homöopathie keinen wesentlichen Unterschied zwischen Gift und Arznei. Wenn man nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch unter dem Wort Gift nur solche Substanzen verstanden werden, welche schon in geringen Mengen lebensgefährliche Zustände erregen, so wird dadurch im Grunde nur ein höherer Grad von Kraft und Wirksamkeit bezeichnet. Das Maß dafür ist aber nicht bloß von der Substanz, sondern auch von dem Individuum und dessen Empfänglichkeit abhängig.

Anders als die normale Nahrung können sowohl die Arzneien, als auch die Gifte, eine Befindens-Veränderung im menschlichen Körper bewirken. Dies gilt für den kranken und den gesunden Zustand des Menschen. Ebenso gut also, wie Arsen, das ätzende Quecksilber-Sublimat und die Blausäure bei Allopathen und Homöopathen zu den Arzneimitteln gezählt und von ihnen angewendet werden, ebenso gut muss man, wie es auch die Homöopathen tun, Kamille, Flieder, Kaffee, China, Wurmkraut und dergleichen zu den Giften zählen. Nur die ganz unarzneilichen, die nährenden Dinge, wie Salep, Kakao, Arrowroot, arabischer Gummi usw., welche die Apotheker führen, sind weder das eine noch das andere, sondern Nahrungsmittel, welche mehr der Küche als der Apotheke angehören.

Die bisherige Arzneikunst hat, in der wohltätigen Absicht, die Übersicht zu erleichtern und dadurch umso schneller und sicherer Hilfe bringen zu können, die Gifte unter besondere allgemeine Rubriken gebracht und für jedes derselben im Allgemeinen die Gegengifte (Antidote) angegeben. So rät man z. B. bei Vergiftungen mit korrosiven Dingen Milch und schleimige Substanzen, bei narkotischen, Salzwasser, Essig, Kaffee, Zitronensaft usw. anzuwenden.

Die homöopathische Heilmethode, deren Wesen überhaupt in dem strengsten Individualisieren besteht, beschränkt sich nicht auf solche allgemeine Vorschriften.

Was die Homöopathie mit der Allopathie gemeinsam hat, ist, dass sie erwägt, ob das Gift etwa noch in Substanz im Körper vorhanden ist und daher so schnell wie möglich entweder durch Ausleerungen fortgeschafft oder chemisch zersetzt werden muss, oder ob nur die rein dynamische Wirkung desselben auf den lebenden Organismus fortbesteht und zu vernichten ist.

Die gleichsam mechanische Fortschaffung, so wie die chemische Neutralisierung der noch in Substanz vorhandenen Giftstoffe ist bei beiden Heilmethoden im Ganzen dieselbe und muss natürlich dieselbe sein, weil hier überall die Verfahrensweise auf Empirie gebaut ist. So wie man die Schmerzen im Auge durch einen hineingeratenen Fremdkörper nicht eher heilen kann, bis dieser herausgeschafft ist, so ist es auch unmöglich, den Vergifteten wieder herzustellen, solange das Gift in seinen Eingeweiden wütet.

Ist nun aber die giftige Substanz nicht mehr als solche im Körper vorhanden, so bleibt doch fast immer eine dynamische Wirkung derselben zurück. Um diese auszulöschen, stehen dem Arzte zweierlei Wege offen, nämlich der allopathische und der homöopathische.

Die allopathische Behandlung kann nur da Anwendung finden, wo entweder das Gift an und für sich nur eine sehr kurze Wirkungsdauer besitzt oder wo solche Hilfe nötig ist, um die anfängliche mechanische Fortschaffung desselben zu befördern. Der Homöopath weiß, dass dadurch anhaltende Krankheits-Symptome so wenig aufgehoben und vernichtet werden, dass sie vielmehr nach kurzdauernder, scheinbarer Linderung dann nur in desto verstärkterem Grade wieder hervorbrechen und sich offenbar verschlimmern.

Der Homöopath schlägt daher in den bei weitem zahlreichsten Fällen den homöopathischen Heilweg ein. Er behandelt solche dynamische Gift- und Arzneiwirkungen gerade wie jede andere dynamische Krankheit, indem er diejenigen Mittel reicht, welche am entschiedensten die Kraft und die Neigung besitzen, ähnliche Beschwerden im lebenden Organismus zu erregen und die meiste Ähnlichkeit mit den Wirkungen des Giftes oder der Arznei besitzen.

Um das hiervor nur kurz Angedeutete anschaulicher zu machen, wollen wir angeben, wie der homöopathische Arzt bei einer vorhandenen Vergiftung verfährt, und wählen dafür zuerst einen Fall von Vergiftung mit einer einzigen Dosis einer giftigen Substanz, z. B. der Frucht der Belladonna.

Hat jemand einige Beeren dieser giftigen (arzneikräftigen) Pflanze verschluckt, so wird der hinzugerufene Arzt unverzüglich versuchen, dieselben mechanisch wieder fortzuschaffen. Hier tritt ihn aber schon gleich die durch das Gift entstandene große Unreizbarkeit des Magens, gewöhnlich mit tetanischen Krämpfen verbunden, hinderlich entgegen, welche die Wirkung eines gereichten Brechmittels vereiteln würde. In diesem Falle ist er verpflichtet, um das Leben zu retten, durch die antipathischen Mittel, nämlich durch eine Menge starken Kaffeetranks, oder noch schneller und wirksamer durch die weingeistige Tinktur des rohen Kaffees, in kurz nacheinander wiederholten kleinen Gaben, diese Reizlosigkeit des Magens und der Speiseröhre zu tilgen und durch gleichzeitige mechanische Reizung des Schlundes mit einer Federfahne Erbrechen zu bewirken.

Hätte aber das Gift seine Wirkung schon weiter entfaltet, sodass daneben auch Bauchschmerzen mit lähmigen Zuständen eingetreten wären, so würde man mit Kaffee den Zweck nicht mehr erreichen, sondern es müsste dann der Mohnsaft zu Hilfe genommen werden, welcher hier ebenfalls nur antipathisch und palliativ wirken würde. Ist nun aber die Ausleerung erfolgt und die Substanz solchergestalt fortgeschafft, so hat die mechanische sowohl, als die allopathische Methode das ihrige getan, und die Tilgung der zurückgebliebenen Beschwerden dynamischer Art wird nur auf homöopathischem Wege erwirkt werden können, indem der Arzt nach Maßgabe der jedes Mal vorwaltenden Symptome das nach der Ähnlichkeit seiner reinen Wirkungen gewählte Heilmittel reicht. – Wie er dabei verfährt, wollen wir in einigen Beispielen sehen.

Zuvorderst wird häufig nach Vergiftungen mit Belladonna eine gewisse Schlummersucht beobachtet, ähnlich einem lethargischen, apoplexartigen Zustand. Hier wird sich am häufigsten und schnellsten Mohnsaft als hilfreich erweisen, und zwar nun nicht mehr antipathisch, sondern homöopathisch. Zuweilen wird Magnetis polus arcticus, oder, besonders wenn wirkliche Lähmungen damit verbunden sind, Cocculus, helfen. Diese drei Mittel erregen alle in dieser Beziehung mit der Belladonna ähnliche Erstwirkungen.

Tritt dagegen, wie nicht selten geschieht, ein Zustand von Betäubung ein, oder entsteht Wahnsinn und Wut, so wird man am schnellsten und gewissesten durch einige sehr kleine Gaben Hyoscyamus Hilfe bringen, welches ebenfalls die häufig gleichzeitige Geschwulst und Verengung des Schlundes in kurzer Zeit wegnimmt, weil sowohl das Eine wie das Andere in dem Umfange der reinen Wirkungen dieser Arznei liegt.

Blieb aber im günstigeren Fall bloß eine gewisse Art von Trunkenheit, wie von einem Rausch zurück, so wird dieser schnell nach Genuss von etwas Wein weichen, (wie schon der alte Botaniker Tragus in seinem Kräuterbuch lehrt), nach der bekannten Kraft dieses Getränks.

Zuweilen ereignet es sich, dass die Belladonna, auch als Arzneimittel in übergroßen Gaben gereicht, Kopfweh mit Weinerlichkeit und Frostigkeit erzeugt, mit abendlicher Verschlimmerung, wobei der Leidende vor Mitternacht nicht einschlafen kann. Diesen Zustand heilt Pulsatilla, welche ähnliche Beschwerden, verbunden mit der abendlichen Exazerbation unter ihre am meisten charakteristischen Eigentümlichkeiten zählt.

Die rotlaufartigen Geschwülste, welche die Belladonna in so ausgezeichnetem Grad hervorzubringen geneigt ist, werden bald durch eine kleine Gabe Hepar sulfuris calcarea beseitigt, weil auch diese in gleichem Grade die Fähigkeit besitzt, ähnliche Rotlauf-Geschwülste am gesunden menschlichen Körper zu verursachen.
Es würde zu weit führen, diesen Faden weiter zu verfolgen und alle Mittel aufzuzählen, welche das Vermögen besitzen, als homöopathische Antidote die nachteiligen Wirkungen der Belladonna zu tilgen. So möchte ich nur noch China, Colchicum, Cuprum und Senega erwähnen, deren Wirkungen in einigen Punkten mit denen der Belladonna übereinkommen und ihre antidotarische Wirksamkeit bei entsprechenden Zuständen bereits bewährt haben.  Nur das müssen wir noch hinzufügen, dass der von fast allen Schriftstellern als Antidot gegen die narkotische Belladonna gerühmte Essig nichts weniger als Heil bringend ist, sondern die Beschwerden nur verschlimmert.

SL: „Sie sprechen von kleinen bzw. sehr kleinen Gaben..“

Samuel Hahnemann: „In meiner Reinen Arzneimittellehre finden sie bei Ipecacuanha noch einmal mehr meine Bestätigung dafür. Bei Anwendung dieses Heilmittels als homöopathische Arznei, und Vergiftungen sind davon nicht ausgenommen, nein, ich habe Beispiele sogar extra noch gegeben, gilt: In allen diesen Fällen von homöopathischer Heilanwendung dieser Wurzel sind ebenfalls nur ganz kleine Gaben angezeigt. Ich gab bisher die verdünnte Tinktur zu einem Tropfen, welcher ein Millionstel eines Grans Ipekakuanha-Kraft enthielt, habe aber aus der noch oft unnötig starken Wirkung in vielen Fällen gesehen, dass die Gabe zu homöopathischem Gebrauche (versteht sich, bei Entfernung aller andern, fremdartigen, arzneilichen Einflüsse) noch mehr verkleinert sein müsse.

    Nur wo eine starke Vergiftung mit einer grossen Gabe Mohnsaft zu besiegen ist, muss eine grosse Gabe Ipekacuanha-Tinktur (zu 30, 40, 60 Tropfen der starken Tinktur) angewendet werden – wo nicht vielmehr starker Kaffeetrank (oder Kampher) den Umständen nach angezeigt ist.

SL: „Gibt es noch weitere Fragen?“

 

About the author

Siegfried Letzel

Siegfried Letzel

Siegfried Letzel - After working in ambulance service in Germany he assisted the German Red Cross in disaster relief following an earthquake in Algeria. He also worked with the League of Red Cross Societies in Geneva, Switzerland. He was sent to Darfur in Sudan to give support to refugees in emergency camps. Subsequently he studied biology in the Philippines and later became qualified as a natural health professional, specializing in TCM and homeopathy. For the last couple years he has been studying historical papers and the works of early homeopaths in search for the original and true homeopathy.

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